Spöttische Stimmen mögen darin einen Hinweis auf die Geschwätzi keit mancher Theologen sehen, die viele Worte finden, weil sie das, worüber sie schreiben und sprechen, nicht mehr verstehen. „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht“, heißt es beim Evangelisten Johannes. Mahnende Stimmen möchten vielleicht daran erinnern, dass aus dem einen Wort in den vielen Jahrhunderten konfessioneller Spaltungen viele, zu viele Worte geworden sind, Stimmen, die sich früher teils heftig bekämpften und noch heute manchmal aneinander vorbeireden. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“
„Im Anfang war das Wort“ kann erinnern an die 95 Thesen Martin Luthers, die er 1517 in Wittenberg veröffentlichte. Damit löste er die
Reformation aus, und sie veränderte die damalige Kirche, Deutschland, Europa und in ihren Auswirkungen die ganze Welt. Das Motto kann aber auch Bezug nehmen auf das reformatorische Prinzip „sola scriptura“ – allein die Heilige Schrift als Quelle der Offenbarung. Es ist ohne jeden Zweifel ein Verdienst Martin Luthers und der Reformation, dass sie durch die Bibelübersetzung und mit Hilfe des damals aufkommenden Buchdrucks die Heilige Schrift sehr vielen Menschen zugänglich gemacht hat.
„Im Anfang war das Wort“ – viele Interpretationsmöglichkeiten. Der Evangelist sieht in Jesus das Fleisch gewordene Wort Gottes. Das Schöpferwort Gottes wird in Jesus Mensch. Ihm konnten die Menschen damals leibhaftig begegnen, ihn hören, sein Wirken sehen. Doch nach seinem Tod, nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt sind wir wieder auf das Wort angewiesen. Zuallererst auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Deshalb sollten auch wir Katholiken in guter reformatorischer Tradition regelmäßig in der Bibel lesen. Dort begegnet uns Gott. Aber nicht nur dort – und deshalb hat die Vielfalt der Bücher in der Installation durchaus ihre Berechtigung.
Gott begegnet mir auch im Gebet, in der Zwiesprache zwischen mir und ihm. Beten heißt nicht zwingend, viele Wörter zu machen. Zum Gebet gehört auch das Schweigen, zur Zwiesprache das Hören. Gott begegnet mir, wenn andere glaubhaft von ihm reden, ihn in Wort und Tat bezeugen. Gott begegnet mir in einem guten Dialog zwischen Menschen, wenn Worte gesprochen werden, um zu trösten, zu ermutigen, aufzurichten. Ja, Gott begegnet mir, wenn ich mit Menschen schweigen kann, ohne dass es unangenehm ist; und wenn ich mit Menschen herzhaft lachen kann. Und Gott begegnet mir, wenn ich für andere das Wort ergreife, wenn ich für die rede, die man zum Schweigen gebracht hat; wenn ich nicht still bin, wo andere beleidigt, verspottet oder misshandelt werden.
Alle guten Worte, die geredet werden, die das Leben schöner, leichter, heller machen, haben ihren Ursprung in dem einen Wort Gottes, das in Jesus Mensch geworden ist. Wenn wir dieses eine Wort aufnehmen, wenn wir es nicht hören, um es sogleich wieder zu vergessen, sondern, wenn wir uns von diesem Wort ansprechen und verändern lassen, dann gibt er uns „Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben“. Und dann dürfen wir auch darauf hoffen und Gott darum bitten, dass er alle Spaltungen überwindet und die Christen wieder mit einer Stimme sprechen.
MIchael Tillmann
aus: Botschaft heute, 11-2025, S. 441





